Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 74

Nimzowitsch, Aaron – Buerger, VictorInternationales Meisterturnier des British Empire Club, London, 14. Oktober 1927

Das Markante an der nun folgenden Lavierungspartie liegt in dem Umstande, dass das Lavieren sich hier quasi nur im eigenen Lager, in der inneren Linie vollzieht. - Die Eröffnung schien sich zugunsten des Anziehenden abzuspielen: 1. c4 Sf6 2. Sc3 d5 3. cxd5 Sxd5 4. g3 Sxc3 5. bxc3 g6 6. Lg2 Lg7 7. Db3 statt 6. ... Bg7 hätte er auch c7-c5 ziehen können, dann wär jetzt die bequeme Deckung durch Qc7 möglich 7… c6 8. d4 O-O 9. La3 , da geschah 9… Sd7 , und Weiß sah sich plötzlich in der größten Verlegenheit, denn es droht Nb6, gefolgt von Be6 und Okkupierung des Mittelfeldes c4. Was wäre dagegen zu erfinden? Es geschah nun: 10. Lh3! eine drastische Präventivmaßnahme; Weiß will den unangenehmen Läufer um jeden Preis beseitigen 10… Te8 11. f4 Dc7 12. Sf3 Sf6 13. Lxc8 (13. Sg5 wäre auch eine Lesart) 13… Taxc8 14. O-O e6 15. Tad1! die damit eingeleitete "Auftürmung" in der d-Linie ist als eine gegen c6-c5 gerichtete prophylaktische Maßnahme gedacht, vergleiche die nächstfolgende Anmerkung 15… b6 16. c4 Ted8 17. Td3! jetzt soll c6-c5 durch d4xc5, und falls hierauf b6xc5, so Rf1-d1 beantwortet werden. 17… Lf8 18. Lb2 Lg7 19. La3 Lf8 20. Lxf8 Txf8 21. Db2 De7 22. Se5 Tfd8 23. Tfd1 Se4 nachdem der Befreiungsversuch c6-c5 an Reiz fast alles eingebüßt hat, versucht der begabte englische Meister es nun auf andere Weise: eine zentralistische Hemmungsaktion wird in die Wege geleitet 24. Dc2 f6 25. Sf3 b5 26. c5 (in Betracht kam auch 26. Sd2) 26… f5 mit erreichter Zentralkonsolidierung 27. Te3 (Ein sofortiges Zupacken mittels 27. Sd2 würde folgendermaßen zurückgewiesen werden: 27… Sxd2! 28. T3xd2 Td5 29. e4 fxe4 30. Te2 (die Türme vorne, die Dame dahinter, dies scheint noch die beste Aufstellung zu sein!) 30… Df6 31. Txe4 , und nun den Präventivzug 31… h5! (gegen g4 gerichtet), Schwarz stünde befriedigend.) 27… a5 28. Se5 Tc7 29. a3 Kg7 30. Kg2 mit der Absicht g3-g4-g5, sodann h2-h4-h5 usw. 30… h5 31. Txe4 Ein naheliegendes Qualitätsopfer? Gewiss, doch musste dabei schon jetzt ein Defensivplan gegen die gegnerische Damenflügelmajorität ins Auge gefasst werden, und dies war gewiss nicht leicht. Auch musste ich mir darüber im klaren sein, dass ich nach erst erfolgter Hemmung dieser eben angedeuteten Mehrheit insofern gewonnenes Spiel hätte, als die - mir bekannten - Voraussetzungen zu erfolgreichem Lavierungsspiel voll und ganz gegeben sind. Wir werden bald sehen, wie dies zu verstehen ist. 31… fxe4 32. Dxe4 Df6 33. Sxc6 Td5 (Ungenügend wäre das Rückopfer durch 33… Txc6 34. Dxc6 Txd4 , und zwar wegen des Zwischenzuges 35. Dc7+! , denn geht nun der König nach h6, so folgt Turmtausch nebst Qd6!, geht er aber nach g8, so geschieht 35… Kg8 36. Tb1 , zum Beispiel: 36… b4 37. Dxa5 und gewinnt.) 34. Se5 (Falls 34. Sxa5 , so 34… Tcxc5) 34… Df5 35. Dd3! Dxd3 (Es droht die Gabel, zum Beispiel: 35… Tcxc5 36. e4) 36. Txd3 Td8 37. Kf3 Tb8 38. Tb3 Den "Blockadedolch" im Gewande. 38… b4 39. a4 Td8 40. Ke4 Tcc8 Die weiße Haupt- und Schlussdrohung besteht offenbar darin, sich zwei verbundene Freibauern zu verschaffen, etwa durch Postierung des Königs auf c4, mit der Folge e2-e4 und d4-d5. Der geplanten Königspostierung auf c4 stellen sich aber beträchtliche Schwierigkeiten entgegen, zum Beispiel wäre sofortiges 41. Kd3? wegen 41. ... Rcc5: ein grober Fehler. Es gilt also durch langsames Lavierungsspiel die Königsstellung doch zu erreichen. 41. Sc4 Ta8 42. Te3 Kf6 43. Sd2 Ke7 44. Sb3 Enthüllt den Lavierungsplan: das Blockadefeld b3 soll abwechselnd durch Springer und Turm besetzt werden, während die jeweilig beweglich bleibende Figur Angriffe unternimmt. Im 55. Zuge ist dann die Ausgangsstellung nämlich die Position nach dem 40. Zuge von Schwarz erreicht, nur mit dem wichtigen Unterschiede, dass der weiße König das heiß ersehnte Feld c4 besetzt hält. 44… Ta6 45. Kd3 Td5 46. h4 Ta8 47. Kc4 Kd7 48. Td3 Kc7 49. Td1 Td7 50. Tg1 Tf7 51. Tb1! Der abgegebene Zug: die Wache wird abgelöst! 51… Kb7 (Ein allfälliger Durchbruchsversuch durch 51… g5 wäre ungenügend. Man beachte übrigens auch die zum Überfluss mögliche ausgesucht feine Parade 52. Tg1!) 52. Sd2 Kc6 53. Sf3 Kc7 54. Se5 Tg7 55. Tb3! Tb8 56. e4 Klar zum Gefecht! 56… Tgg8 57. d5 exd5+ 58. exd5 Tbc8 59. d6+ Kd8 60. Kd5 Tg7 61. c6 Aufgegeben. 1–0

Die Partiesammlung von pgnmentor.com geht ab hier anders weiter: hier 58… Tbc8, dort 58… Tge8. Spätere Züge sind nicht verglichen.