Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 75
Und wiederum verlief das Lavierungsspiel im Zeichen originell anmutender "Schwächen". Der Lavierende - Weiß - drohte nämlich, mit einem Defensivmanöver aufzuwarten, das allerdings zur völligen Vernichtung jedes möglichen Gegenspiels führen müsste. Im Bestreben, dieses eben angedeutete Manöver zu verhindern, ging nun Schwarz an der "zweiten" Schwäche zugrunde. 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. g3 Lg7 4. Lg2 O-O 5. f4 d6 6. Sf3 c6! der Nachstoß d6-d5 ist im Plane! 7. O-O d5 8. cxd5 cxd5 9. Se5 Db6 10. Sc3 Td8! 11. b3! Sa6 (auf 11… Sc6 wäre die Kombination 12. La3! Sxd4 13. Sa4 Sxe2+ 14. Kh1 Da6 15. Lf3 gefolgt) 12. La3 Lf8 13. Sa4 Db5 14. Dd3 Da5 einfacher wäre der Abtausch 15. Tfc1 Lf5 16. Dc3 Db5 17. Lf1 Se4 18. De1 De8 19. e3 Es ist dem Anziehenden zwar gelungen, der gegnerischen Dame das Dreieck b6 b5 a5 zu verleiden, doch hätte Schwarz nun immerhin mittels 19. ... f6 20. Nf3 Bg4 auf den Vorstoß e7-e5 spielen können. Er unterlässt dies und begeht stattdessen einen Fehler, der zu ziemlich schneller Entscheidung hätte führen sollen. 19… b5? 20. Sc6 Tdc8 21. Lxb5 Ld7 22. Lxa6 Txc6 23. Lb7 Txc1 24. Txc1 Td8 (falls 24… Tb8 , so 25. Lxd5 Sf6 26. Lf3 Lxa4 27. bxa4 Dxa4 28. Dc3 nebst eventuell Bc6 mit leichtem Gewinnspiel) 25. Sc5 (auch jetzt wäre 25. Lxd5 stark gewesen, zum Beispiel: 25… Sxg3 26. hxg3 Lxa4 27. Lxf7+ Dxf7 28. bxa4 Dxa2 29. Dc3 mit gelegentlichem Damentausch, wonach das Endspiel leicht gewonnen wäre) 25… Lc8 26. Lxc8 (26. Lxd5 kam in Betracht) 26… Txc8 27. Da5 e6 28. Sxe4 dxe4 29. Txc8 Dxc8 30. Lc5 Lxc5 31. Dxc5? (Mit diesem groben "Müdigkeitsfehler" verschenkt Weiß beinahe die ganze Partie, 31. dxc5 hätte in wenigen Zügen zur Waffenstreckung geführt; auf 31… Dd7 , was unangenehm zu sein schien, wäre 32. Dc3! Dd1+ 33. Kf2 Df3+ 34. Ke1 (mit bequemer Königsflucht nach a3) mit Entscheidung gefolgt. Nach dem Fehler muss Weiß die Partie zum zweitenmal gewinnen.) 31… Da6! 32. Dc2 Da5 33. Kf2 Dh5 34. Dxe4 Dxh2+ 35. Dg2 Dh5 36. g4 Da5 37. Kg3 h6 (besser erschien 37… Dc3) 38. Df2 Dc7 39. Kh3 f5 40. gxf5 gxf5 41. d5! exd5 42. Dg2+ Kf7 43. Dxd5+ Kf6 Es beginnt nun ein äußerst langwieriges Lavierungsspiel. Als schwarze Schwächen fungieren: a) der Damenflügel: Weiß droht daselbst mit Freibauernbildung; b) der Königsflügel: der weiße König droht über h5 einzudringen; auch würden rückwärtige weiße Schachgebote insofern störend wirken, als die isolierten f- und h-Bauern zu unbequemen Deckungszügen Anlass geben müssten; c) die drohende Zentralisierung der weißen Dame etwa auf d4 nebst nachfolgendem Fluchtversuch des weißen Königs, vergleiche die Note zum 65. Zuge. Die schwarzen Gegenchancen liegen dagegen vor allem in möglichen Schach-Angriffen auf den nur schwach geschützten feindlichen König und ferner in dem freien h-Bauern. Es folgte nun: 44. Dd4+ Kg6 45. Dd2 Kf6 46. Db2+ Kg6 47. b4 Dc4 48. Dd2 Kh5 49. a4 a6 50. Kg3 Dg8+ Eine nur kleine, unscheinbare Königsbewegung (Kh3-g3), und schon sieht sich der Schwarze zur Anwendung von Abwehrmitteln auch am Königsflügel veranlasst. Dieses Reagierenmüssen selbst auf die leiseste Andeutung einer Drohung ist für die gegebene Kampfsituation bezeichnend. 51. Kh2 Dc4 52. Db2 Dd3 53. Dg2 Dc4 (53… Dxe3?? 54. Dh3+) 54. Kg3 Dg8+ (Besser gefiele uns 54… Dd3) 55. Kh3 Dc4 56. Df3+ Kg6 57. Kh4 Kg7 (Falls 57… Dxb4 , so 58. Dc6+ nebst Kh5.) 58. Db7+ Kg6 59. Db6+ Kh7 60. Df6! Mit der Eroberung dieses wichtigen Punktes ist Weiß um ein gutes Stück weitergekommen. 60… Dd5 61. Kg3 Dg8+ 62. Kh2 Da2+ 63. Kh3 Dd5 64. De7+ Kg6 65. De8+! Der Punkt e8 ist hier von noch größerer Bedeutung als der Punkt f6. 65… Kh7 (Danach kommt Weiß ohne Gefahr zum Gewinnzuge a4-a5, aber auch nach 65… Kf6 66. Kg3 Dd3! (noch am besten!) 67. a5! wäre das Gefahrenmoment nicht allzu groß, zum Beispiel: 67… Df1 (falls 67… Db1 , so 68. Dc6+ nebst Qb7+ und Qxa6 wie in der Partie) 68. De5+ Kg6 69. De6+ Kg7 70. Dxf5 Dg1+ 71. Kf3 Df1+ 72. Ke4 Dc4+ 73. Ke5 Db5+ 74. Ke6 und gewinnt. Dies als Illustration zu der mehrmals erwähnten Defensivdrohung des Nachziehenden.) 66. Kg3 Db3 67. a5! (Am einfachsten, denn nun wirkt die Drohung b4-b5 wuchtig. Eine andere Möglichkeit bot die Variante 67. Dd7+ Kg6 68. Dc6+ Kh7 69. Db7+ Kg8 70. Db8+ Kh7 71. Da7+ Kg8 und nun wiederum 72. Kh4) 67… Db1 (Besser wäre 67… Dd3 , die Gewinnfortsetzung wäre dann nicht unkompliziert, nämlich 68. Df7+ Kh8 69. Df6+ Kh7 70. Dd4! , und nun ergeben sich zwei Varianten, je nach dem, ob er die Dame nach b1 oder f1 zieht. In beiden Fällen folgt zunächst 71. Qd7+, dann aber gewinnt Weiß den jeweilig ungedeckten a- oder f-Bauern, zum Beispiel: 70… Db1 (oder 70… Df1 71. Dd7+ Kg6 72. De6+ Kg7 73. Dxf5 mit nachfolgender Königsflucht, wie in der Note zum 65. Zuge von Schwarz gezeigt.) 71. Dd7+ Kg6 72. Dc6+ Kg7 73. Db7+ Kf8 74. Dxa6 wie in der Partie. Also nach genügend langem Lavieren sehen wir die Bauernschwächen abwechselnd fallen, ein Sieg der Lavierungslogik!) 68. Dd7+ Kg6 69. Dc6+ Kg7 70. Db7+ Kf8 71. Dxa6 und gewann. Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 71… De1+ 72. Kf3 Dd1+ 73. De2 Dd5+ 74. Kf2 Dd8 75. a6 Dh4+ 76. Kg2 De7 77. Df3 Dc7 78. b5 Dg7+ 79. Kf2 Db2+ 80. De2 Da1 81. b6 Aufgegeben. Die weiße Defensivdrohung - Königsflucht nach vorhergegangener Zentralsicherung - hat dauernd in die Ereignisse hineingespielt. Die hierfür typische Stellung wäre etwa: Weiß: Kg3 Qd4 Bauern a5 e3 f4; Schwarz: Kg6 Qh1 Bauern f5 und h6. Weiß zieht Kf2!, und der König entkommt nach dem Damenflügel. - Es erübrigt sich noch, die Lavierungsachse als solche zu fixieren: dieselbe ist in der Schräge d4-f6 zu erblicken; davon überzeugt uns auch die in der Hauptvariante (nämlich bei 67. ... Qd3! statt des offenbar schwächeren 67. ... Qb1) vor sich gehende Rückkehr der Dame von e8 nach f6 und d4. Ein für die Lavierungsstrategie äußerst lehrreiches Endspiel. - Wir beschließen diesen Abschnitt mit der Vorführung zweier Schlussspiele. 1–0