Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 83
Die ersten neun Züge wie in der vorigen Partie. 1. Sf3 d5 2. b3 c5 3. Lb2 Sc6 4. e3 Sf6 5. Lb5 Ld7 6. O-O e6 7. d3 Le7 8. Sbd2 O-O 9. Lxc6 Lxc6 10. Se5 Le8 11. f4 Sd7 12. Sxd7 (Es verlohnt sich der Mühe, bei der hier möglichen Fortsetzung 12. Dg4 Sxe5 13. fxe5 Da5! etwas länger zu verweilen: (aggressiver als 13… Ld7 nebst f5) 14. Tf2 (nun wird das Springermanöver Nd2-f1-g3 usw. geplant) 14… Db4 (fällt ihm wiederum in den Arm!) 15. e4 Lc6 (am besten, nur die Zentralisierung kann es machen!) 16. a3 Da5 17. exd5 Lxd5 (17… exd5 erscheint wegen 18. e6 f6 19. Sf3 drohend Nh4 und Nf5, schlecht) 18. Sf1 (der Präventivzug 18. a4 - um b5 zuvorzukommen - würde andererseits 18… Db4 19. Dxb4 gestatten) 18… Dc7! (nicht 18… b5 wegen 19. a4 mit Lahmlegung des schwarzen Damenflügels) 19. Se3 b5 (die charakteristische Gegenchance; c5-c4 soll um jeden Preis - selbst um den eines Bauernopfers - ermöglicht werden!) 20. Sxd5 exd5 21. e6 f6 22. Taf1 und Weiß mahlt zuerst, zum Beispiel: 22… Kh8 23. Tf3 nebst Rh3. - Aus dieser Analyse scheint hervorzugehen, dass 12. Qg4 gute Chancen gewährt hätte.) 12… Dxd7 13. e4 f6 14. Df3 Nun haben wir eher einen Indischen Aufbau vor uns. 14… Lf7 15. a4 Es gibt hier auf die Dauer kein rechtes Präventivmittel gegen c5-c4. 15… b6 (Nicht sofort 15… a6? wegen 16. a5 mit paralytischen Erscheinungen.) 16. Tae1 a6 Statt 16. Re1 wäre auch der geschlossene Vormarsch g4 h4 und g5 möglich gewesen. Ob 16. Ra2 nebst 17. Rfa1 (Präventivspiel gegen das drohende a7-a6 und b6-b5) wohl in Betracht kam? Wie könnte Schwarz dann weiterkommen? 17. f5 dxe4 (Schlecht wäre 17… exf5 wegen 18. exd5 Lxd5? 19. Txe7!) 18. Dxe4 e5 19. Te3 (Um den eingeengt erscheinenden gegnerischen Königsflügel aufs Korn zu nehmen; der Angriff ist aber nicht leicht zu führen, insbesondere mit Rücksicht auf die einigermaßen deplaciert wirkende eigene Dame (das Feld e4 wäre viel eher für den Springer geeignet.) Statt 19. Re3 möchten wir daher folgende Umgruppierung vorschlagen: 19. Dh4 b5 20. Se4 c4 21. bxc4 bxc4 22. Te3 und Weiß droht, Rh3 folgen zu lassen, zum Beispiel: Rh3 h6 Rg3 usw. Diese Umgruppierung verbände Angriff mit - wenn auch nur notdürftiger - Verteidigung des eigenen Damenflügels.) 19… b5 20. Tg3 Nun droht Figurengewinn durch Qg4 g7-g6 f5xg6 Qxg4 gxf7+ nebst Rxg4. 20… Kh8 21. Sf3 (Immer noch wäre 21. Dg4 g6 und 22. Se4 am Platze gewesen.) 21… bxa4 (Ein Fehler, 21… Ld6 musste geschehen sein.) 22. Sxe5! De8! (Falls 22… fxe5 so 23. Dxe5 Lf6 24. Dxf6! gxf6 25. Lxf6#) 23. Dg4 Tg8 24. Sxf7+ Dxf7 25. Dxa4 Nun hat Weiß einen Mehrbauern und die angenehme Wahl zwischen gewinnendem Mattangriff und siegreichem Schlussspiel (Bauer a6 und c5 sind böse Endspielschwächen), kurz ein so gut wie gewonnenes Spiel. 25… Dd5 26. Dg4 Ld8 27. Dg6! h6 28. Te1 Dd7 29. Te6 (Einfacher wäre 29. Te4 mit absoluter Brettbeherrschung. Der Textzug, der Rxf6 plant, sollte aber noch schneller gewinnen.) 29… c4! 30. bxc4? (So groß war der Ärger über den gestatteten Durchbruch (wo doch die Prophylaxe durch 29. Re4 so nahe lag!) und so stark der Glaube an die "partiegeschichtlich begründete" Wirkungskraft des Zuges c5-c4, dass Weiß nicht die Courage findet, den geplanten Gewinnzug auszuführen. Weiß befand sich aber auch in Zeitnot. Zu gewinnen war das Spiel durch 30. Txf6! Lxf6 31. Lxf6 gxf6 32. Dxh6+ Dh7 33. Dxf6+ Tg7 34. Tg6 cxb3 35. cxb3 Kg8! 36. Th6 Tf7 37. Dg5+ Tg7 38. Df4 und gewinnt.) 30… Tb8 31. Lc3 Tb1+ 32. Te1 Lb6+ (Es ist ganz eigentümlich, dass dieses plausible Schachgebot die bei sofortigem 32… Txe1+ 33. Lxe1 Da4! vorhandene Remischance aus der Hand gibt.) 33. Kf1 Txe1+ 34. Lxe1! Der vielwendige Läufer strebt u. a. auch nach f2 bzw. b4. 34… Da4 (Falls 34… Te8 so 35. Lb4 und Qe7 ist verhindert.) 35. Th3! Tf8 (Bei anderen Turmzügen entscheidet Opfer auf h6, zum Beispiel: 35… Te8 36. Txh6+ gxh6 37. Dxh6+ Kg8 38. Dg6+ Kh8 39. Dxf6+ nebst Qxb6.) 36. Lc3 Ld8 (Der letzte Fehler. Eine kleine Remischance hatte Schwarz bei 36… Dxc2 37. Txh6+ gxh6 38. Dxh6+ Kg8 39. Dg6+ Kh8 40. Lxf6+ Txf6 41. Dxf6+ Kg8 42. Dxb6 , denn nun folgt 42… Dxd3+ , und das Damenendspiel bietet dem Weißen noch gewisse Schwierigkeiten.) 37. Ld2 Dxc2 Nun ergibt sich ein Schlussspiel, in welchem man eine banale Abzugswendung erwartet, statt dessen aber in der angenehmsten Weise überrascht wird. 38. Lxh6 Db1+ 39. Ke2 Dc2+ 40. Ke3!! (Die Pointe. Schlechter wäre 40. Ld2+ wegen 40… Kg8 41. Th7 Tf7 mit der Drohung Re7+.) 40… Lb6+ (Oder 40… Dc1+ 41. Ke4! De1+ 42. Te3! Dh4+ 43. Kd5! gxh6 44. Th3 und gewinnt.) 41. Ke4! De2+ 42. Te3!! Aufgegeben. 1–0