Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 85
1. Sf3 e6 2. g3 d5 3. Lg2 c6 Schwarz sucht dem Zuge c2-c4 zuvorzukommen 4. d3 (auf 4. d4 könnte folgen 4… Ld6 5. Lf4 Lxf4 6. gxf4 Sh6 nebst Nf5 mit solider Stellung für Schwarz) 4… Ld6 5. Sc3 Se7! 6. O-O O-O 7. e4 b5! Schwarz erkennt seine Zentralstellung als solid und festgefügt an und leitet daraus die strategische Berechtigung ab, einen Flügelangriff zu unternehmen. Zunächst wird gelegentliche Beunruhigung des Springers ( b5-b4 ) geplant. 8. Se1 f5 (Er hätte sich auch einen Zug wie 8… a5 leisten können, denn die vom Gegner geplanten Zentraloperationen sind offenbar nicht von Belang.) 9. exd5 (9. f4 wäre wegen 9… dxe4 10. dxe4 b4 nebst Bc5+ ein grober Fehler. ( Die "Drohung" b5-b4 hat also bereits gewirkt. )) 9… exd5 Nun steht Schwarz recht gut. 10. Se2 Um f5-f4 zu verhindern. 10… Sd7 11. Lf4 (Das Spiel gegen die "schwarzen" Punkte erweist sich bald als verfehlt. Richtig war 11. c4 Sb6 mit annähernd gleichen Chancen.) 11… Sb6! Fortsetzung des durch 7. b5 eingeleiteten Flügelangriffes. Auch wird der Möglichkeit c2-c4 vorgebeugt. 12. Dd2 Sg6 13. h4 Sxf4 14. Sxf4 Df6 Das Spiel gegen den weißen Damenflügel fängt nun endlich an, greifbare Gestalt anzunehmen: eine Lockerung ( c2-c3 ) soll erzwungen werden. 15. c3 (Oder 15. Tb1 Ld7 nebst Rae8, und Schwarz steht gut.) 15… Lxf4? (Statt dieses verfehlten Abtausches, der nur dazu dient, Punkt e5 zu schwächen, hätte die Fortsetzung 15… Ld7 nebst Rae8 gewählt werden sollen. Späterhin könnte dann an a5 und b4 gedacht werden.) 16. Dxf4 Sa4 17. Tb1 Nun droht Festsetzung des Springers auf e5 ( d3-d4 Ne1-f3-e5 ) . 17… Sc5 (So sehr hat der begangene Fehler die ganze Situation verändert, dass der selbe Diversionsangriff, der vorhin noch, also bei fester eigener Zentralstellung, durchaus ernst zu nehmen war, nunmehr bloß wie ein hilfloses Um-sich-Schlagen eines versprengten Truppenteils wirkt. - Der Textzug wäre besser durch Ba6 zu ersetzen gewesen, zum Beispiel: 17… La6 18. Sf3 Tae8 19. Tfe1 (19. d4? b4! 20. Tfc1 Ld3 nebst Nxb2) 19… Txe1+ 20. Sxe1 Te8 21. Sf3 Sc5 22. Td1 Lb7 In der dann erreichten Stellung wären die Chancen einigermaßen ausgeglichen, obgleich die Schwäche der schwarzfeldrigen Punkte e5 d6 c7 d4 immer noch in die Waagschale fallen dürfte. Zum Beispiel: 23. Dc7 Dd8 (oder 23… De7 24. Da5 mit fortgesetzter Belästigung) 24. Dxd8 Txd8 25. Sd4 (25. Se5? Sd7!) 25… g6 26. b4 Sa4 27. Tc1 Kf7 28. Sb3! und Schwarz hätte mit Schwierigkeiten zu kämpfen, denn es droht sowohl c4 als auch Na5. - Trotzdem sind wir geneigt, den Zug 17. Ba6 usw. als die relativ beste Verteidigung anzusehen.) 18. De3? (Er verkennt ganz die Bedeutung der schwarzfeldrigen Schräge f4-c7. Unbedingt hätte 18. Td1 geschehen sollen. Falls dann etwa 18… Se6 so zunächst 19. Dd6) 18… Dd6 (Sehr gut. Zum Ausgleich hätte allerdings auch die Variante 18… Se6 geführt. Zum Beispiel: 19. f4 d4 20. cxd4 Dxd4 21. Dxd4 Sxd4 22. Sf3 Sxf3+ 23. Lxf3 Lb7 ( obgleich Weiß vielleicht doch um ein Jota vorteilhafter stehen dürfte ) . Mit dem Textzuge war eine völlige Sanierung der bedrohten "schwarzen" Punkte zu erzielen.) 19. f4 La6!? (Interessant, aber doch nicht das Rechte! 19… Sd7 sollte geschehen! Zum Beispiel: 20. Sf3 Sf6 21. Se5 Sg4! 22. De2 Ld7 23. d4 ( sonst folgt d5-d4 ) 23… a5 24. Tbe1 Tfe8 25. Dd3 a4! ( sichert auch den Damenflügel gegen allfällig geplantes b3 und c4 ) , und Schwarz erscheint völlig konsolidiert.) 20. Sf3 b4 21. Tfd1 bxc3 22. bxc3 Sa4 23. Dd4 Da3 Der schwarze Angriff sieht gar nicht so übel aus, doch fehlt es ihm an einer gesunden Basis: die schwarze Zentralstellung ist nämlich gar zu schwächlich. Und die Moralanwendung: Nach dem das Zentrum schwächenden Fehler ( 15. Bxf4 ) durfte Schwarz sein Spiel nicht mehr auf Flügelattacke anlegen, er sollte vielmehr ausschließlich nach Konsolidierung streben ( mit Hilfe eines strategischen Rückzuges, siehe Anmerkung zum 18. Zuge ) . So, wie er spielte, sollte Weiß in Vorteil kommen. 24. Se5 (Richtig war 24. Td2! zum Beispiel: 24… Sxc3 25. Tb3 Dc1+ 26. Kh2 Sb5 27. Db4 mit der Drohung a4 nebst Rb1. Damit wäre Weiß in Vorteil gekommen. - Der geistreiche Textzug bereitet einen Gewaltstreich vor, der dem Springer die langersehnte Siegfriedstellung ( auf e5 ) einbringen soll.) 24… Sxc3 25. Te1 Sxb1 26. Txb1 (Das verlockende 26. Lxd5+ cxd5 27. Dxd5+ Kh8 28. Sf7+ Txf7 29. Dxa8+ Tf8 30. Te8 scheitert an 30… Dc5+ nebst Kg8.) 26… Kh8 27. h5 Dd6 28. Kf2 (Hier dürfte das Blockierungssystem 28. Tc1 nebst Rc5 dem durch Kf2 eingeleiteten Angriffsversuch bei weitem vorzuziehen sein.) 28… Tae8!! Eine versteckte Opferkombination. 29. h6 Dxh6 30. Th1 Df6 31. Dxa7 Txe5!! 32. fxe5 Dxe5 33. Dxa6 Dd4+! (Auf sofortiges 33… f4 könnte sich Weiß eher verteidigen, nämlich durch 34. gxf4 Txf4+ (oder 34… Dxf4+ 35. Kg1) 35. Lf3) 34. Kf1 f4 35. Da3! (Falls nun 35. gxf4 so 35… Txf4+ 36. Ke2 Tf8!) 35… Kg8 36. Th4 Geistreich gedacht. 36… g5 (Auf 36… fxg3+ würde 37. Dxf8+ gewinnen.) 37. Tg4 Da1+ 38. Kf2 fxg3+ 39. Kxg3 De5+ 40. Kh3 h5 41. Ta4 g4+ 42. Kh4 Tf5! Da der schwarze König sich selbst verteidigen kann. 43. Ta8+ Kg7 44. Da7+ Kh6 45. Dg1 Df6+ Obiger Partie wurde ein erster Schönheitspreis zuerkannt. (nebst Matt durch 45… Df6+ 46. Kg3 Tf3+ 47. Lxf3 Dxf3+ 48. Kh2 Dh3#) 0–1