Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 98

Nimzowitsch, Aaron – Mieses, JacquesInternationales Meisterturnier, Hannover, 15. August 1926

1. c4 e5 2. Sc3 Sf6 3. Sf3 Sc6 4. e4 ( meine Dresdener Spezialvariante, vergleiche die Partien Nr. 31 und Nr. 52 ) 4… Lb4 5. d3 d6 6. g3 Lc5 7. Lg2 (in Betracht käme der Präventivzug 7. h3) 7… Sg4 8. O-O f5 Damit ist eine schwer zu beurteilende Stellung erreicht: der Nachziehende erscheint stark in den schwarzfeldrigen Punkten ( zum Beispiel f2 und d4 ) , Weiß ist aber, wie es scheint, in der Lage, sich ein weißfeldrig betontes Gegenspiel zu verschaffen. 9. Sd5 (9. exf5 Lxf5 10. Sg5 Dd7 11. Ld5 Tf8 12. Sge4 Lb6 Schwarz stände besser.) (9. Lg5 Sf6 10. exf5 Lxf5 11. Sh4 Le6 12. Se4 O-O 13. Kh1 ; falls dann 13… Dd7 so 14. Lxf6 gxf6 15. f4 Kh8 16. f5 Lg8 17. Sxc5 nebst 18. Be4 Nd4 mit annähernd gleichen Chancen. Man beachte ( nach 18. ... Nd4 ) , dass der zwischen weiß- und schwarzfeldrigem Aufbau bestehende Gegensatz sich, fast könnte man sagen, bis ins Schlussspiel hinein unvermindert schroff erhalten hat! ( Vergleiche Vorrede zu 7. )) 9… h6? (Schädigt die eigene "schwarzfeldrige" Initiative ( denn h6 bedeutet Zeitverlust ) und fördert zu gleicher Zeit die gegnerischen "weißfeldrigen" Pläne: mehr kann man von einem Zuge nicht gut verlangen! - Beinah selbstverständlich erscheint ( statt h6? ) die Rochade. Nach 9… O-O 10. Lg5 De8! 11. Sxc7 Dh5 wäre 12. Sxa8 unzulässig (und auch 12. h3 würde wegen 12… Sxf2 zu Unannehmlichkeiten für Weiß führen 13. Txf2 Lxf2+ 14. Kxf2 fxe4 15. dxe4 Dxg5 16. Sxa8 Sd4 17. Tc1 [es drohte Bxh3] 17… Lxh3 18. Tc3 Lg4 19. Sc7 Dh5 20. Sb5 Lxf3 21. Lxf3 Dh2+ 22. Kf1 Dh1+ und gewinnt) 12… fxe4 13. dxe4 Txf3 )) (Weiß hätte also wohl auf 10. Bg5 verzichten müssen. Nach 9… O-O 10. h3 ( was sonst? ) 10… Sxf2 11. Txf2 Lxf2+ 12. Kxf2 fxe4 13. dxe4 Sd4 14. Le3 Sxf3 nebst Bxh3 wäre annähernde Balance erreicht. Der Textzug bringt Schwarz in Schwierigkeiten.) 10. exf5 Lxf5 11. Sh4 Le6 12. Sg6 Tg8 13. h3 Im Besitz aller "weißen" Punkte, geht er nun daran, den Gegner auch aus den "schwarzen" Punkten herauszuwerfen. 13… Sf6 14. Le3! Zur Vorbereitung von b4, was, sofort ausgeführt, die Antwort Bd4 gestattet hätte. 14… Lxd5? (14… Lf7 erschien geboten. Der Führer der schwarzen Steine verteidigt zwar sein Spiel gegen die einzelnen gegnerischen Drohungen, er tut aber nichts im Sinne einer zu erreichenden allgemeinen weißfeldrigen Sanierung.) (Interessant ist übrigens die Feststellung, dass 14… Dd7 (mit der Absicht Qf7) nicht genügt hätte, zum Beispiel: 15. b4 Lxe3 16. fxe3 O-O-O (nicht 16… Lxh3 wegen 17. Txf6) 17. Da4 Kb8 18. b5 Lxd5 19. bxc6! Lxc6 20. Lxc6 bxc6 21. Tab1+ Ka8 22. Se7 und gewinnt.) 15. cxd5 Sd4 (Oder 15… Se7 16. Sxe7 und 17. d4 mit weißem Vorteil.) 16. f4 Dd7 (Nutzlos wäre 16… exf4 17. Txf4 Se6 und zwar wegen 18. Lxc5 Sxf4 19. De1+ Kf7 20. Sxf4 Te8 21. Se6 mit behauptetem Mehrbesitz.) 17. b4 Lb6 18. fxe5 dxe5 19. Sxe5 De7 20. Sc4 Schwarz ist natürlich verloren; um so anerkennenswerter ist die Findigkeit, mit der Mieses nun nach Rettung ausspäht. 20… Kd8! (Die 20… O-O-O ging wegen 21. Sxb6+ nicht an. Nun aber plant er Rge8.) 21. a4 (Schade. 21. Te1 hätte elegant gewonnen, nämlich 21… Dxb4 22. Tb1 Dc3 23. Da4 Sc2 (noch der einzige Zug) 24. Lxb6! Sxe1 25. Lxc7+ Kxc7 26. Txb7+! Kxb7 27. d6+ Sxg2 28. Db5+ nebst Matt in 3 Zügen.) (Auch 21. d6 hätte leicht gewonnen, zum Beispiel: 21… cxd6 22. Te1 Dc7 23. a4 a6 24. Sxb6 Dxb6 25. Dd2 Te8 26. Lf2 . Natürlich gewinnt auch der Textzug.) 21… Te8 22. Kh2 Se2! 23. d6 (Er lässt sich verblüffen. Einfach 23. Dxe2 Lxe3 24. Df3 hätte ziemlich leicht gewonnen.) 23… cxd6 24. Te1 Lxe3 25. Txe2 Lg1+ 26. Dxg1 Dxe2 Jetzt hat Weiß noch zu arbeiten. 27. Sxd6 Te7 28. a5 Td7 29. Te1 Dd2 30. Sc4 Dxb4 31. a6 Der Angriff muss durchdringen. 31… Tc8 (Auf 31… b5 folgt 32. Se5 zum Beispiel: 32… Tc8 33. Sxd7 Sxd7 34. Tb1 Dc5 35. Dxc5 Txc5 36. d4 Tf5 37. Lc6) (Oder 31… Tb8 32. Se5 (drohend Qxa7 was, sofort erfolgt, die Parade b7xa6 gestattet hätte) 32… Dd4 (noch das beste!) 33. Sf7+ Kc7 34. Tc1+ Kb6 35. Tb1+ Kxa6 36. Dc1 Dxd3 37. Lf1) 32. Tb1 Da4 33. axb7 Tb8 34. Dc5 Tc7 35. Dd4+ Sd7 (Oder 35… Td7 36. De5 Tc7 37. Sa5 mit der tödlichen Drohung Nc6+ Rxc6 Qxb8+) 36. Dxg7 Tc5 37. Dh8+ Kc7 38. Dxh6 Dc2 39. Dd6+ Kd8 40. Tf1 Ke8 41. Tf8+ Aufgegeben, (denn es könnte folgen 41. Tf8+ Sxf8 42. Dxb8+ Kf7 43. Dxf8+! Kxf8 44. b8=D+ Kf7 45. Dxa7+ und Qxc5. - Der Qualitätsverlust hat die Partie zwar aus der Bahn der logischen Entwicklung gedrängt, an dem Lebensnerv der Stellung, nämlich den weißfeldrig betonten Angriffsmöglichkeiten, hat er aber doch nicht zu rühren vermocht.) 1–0