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Hypermoderne Schule: die Schachrevolution

Auf einen Blick

Hypermoderne Schule nennt man eine Denkrichtung im Schach: Die Mitte lässt sich nicht nur mit Bauern beherrschen, sondern auch mit Figuren aus der Ferne. Aaron Nimzowitsch sah sich als einen ihrer Begründer und nannte die Jahre 1911 bis 1914 eine Schachrevolution. Am Brett lernst du daraus, ein gegnerisches Bauernzentrum zu hemmen und anzugreifen, statt es zu fürchten.

Kurz erklärt

Siegbert Tarrasch war zu Nimzowitschs Zeit der bekannteste Schachlehrer im deutschsprachigen Raum. Er lehrte: Besetze das Zentrum mit Bauern. Wer einen Bauern aus der Mitte hergab, galt als jemand, der das Zentrum aufgibt.

Nimzowitsch widersprach: Das Zentrum besteht aus Feldern, nicht aus Bauern. Bauern halten die Mitte zwar am sichersten, doch sie versperren auch Wege. Figuren im Zentrum können die Bauern ersetzen. Auch Türme und Läufer können aus der Ferne Druck auf die Mitte machen.

In «Mein System» fasst er die neuen Gedanken in drei Sätzen zusammen. Der erste handelt vom elastischen Zentrum, also einer Mitte voller Möglichkeiten. Der zweite sagt: Eine vorrückende Bauernwalze ist weniger gefährlich, als sie aussieht. Der dritte: Eine Gruppe von Feldern derselben Farbe kann als Ganzes schwach werden.

Nach eigenen Worten begann Nimzowitsch 1911 mit Partien gegen Salwe und Löwenfisch. 1913 griff er Tarraschs Lehre in Zeitschriftenartikeln offen an. Beim Allrussischen Meisterturnier verzichtete er gegen Gregory mit Schwarz darauf, die Mitte mit Bauern zu besetzen. Diese Partie nannte er eine Stammpartie der neuen Spielweise.

Den Namen hypermodern bekam die Richtung erst später, schreibt Nimzowitsch. Zu ihr zählt man neben ihm auch Richard Réti und Gyula Breyer. Nimzowitsch lobt spätere Neuerungen anderer Meister, etwa Aljechins Verteidigung. Er sieht sich aber als den, der die Grundgedanken zuerst gefunden hat.

Zusammengefasst von der Redaktion in eigenen Worten. Das ist kein Zitat.

Nicht gegen alles Alte

Nimzowitsch wollte die alten Regeln nicht einfach umwerfen. Er lobte Steinitz, dessen Ideen Tarrasch nach seiner Meinung verwässert hatte. Auch die neue Schule sei an die Gesetze der Logik gebunden, schreibt er. Sie wolle starre Lehrsätze verstehen und beleben, nicht abschaffen.

Zu seinen eigenen neuen Ideen zählt er die Überdeckung und die Prophylaxe. Auch sie gehören für ihn zur neuen Richtung.

Zum Nachspielen

In Lektion 8 lernst du zuerst, warum die Mitte wichtig ist. Lektion 39 zeigt, wie ein Springer die Mitte von einem freien Feld aus beherrscht. In Lektion 32 bremst und blockierst du eine Bauernmehrheit in der Mitte.

Gegen Gregory verzichtet Nimzowitsch früh auf eigene Mittelbauern. Gegen Réti trifft er auf einen Gegner, der selbst hypermodern spielt. Gegen Olson gibt er einen Bauern her und zeigt, dass bewegliche Bauern mehr zählen können als ein Bauer mehr.

Heute betrachtet

Heute gilt keine der beiden Lehren allein. Ein Bauernzentrum ist stark, wenn du es halten kannst. Figuren aus der Ferne sind stark, wenn sie dieses Zentrum angreifen können.

Wie weit Nimzowitsch und Tarrasch in der Sache wirklich auseinanderlagen, ist bis heute umstritten. Beide griffen sich in Zeitschriften scharf an.

Wo du es bei Nimzowitsch findest

  • Mein System: Nachtrag, 1. Die allgemeine Lage der Dinge vor 1911 Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Nimzowitschs Rückblick auf seine ersten Vorstösse gegen die alte Zentrumslehre, mit seinem Artikel gegen Tarraschs Buch.

  • Mein System: Nachtrag, 2. Die revolutionären Thesen Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Die drei revolutionären Thesen: elastisches Zentrum, Ungefährlichkeit der Bauernwalze und schwache Felder einer Farbe.

  • Mein System: Nachtrag, 3. Die revolutionäre Theorie wird in revolutionäre Praxis umgesetzt. Die Stammpartie des ideellen Damengambits Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Die Partie gegen Gregory, in der Schwarz darauf verzichtet, die Mitte mit Bauern zu besetzen.

  • Mein System: Nachtrag, 5. Ausbau und Entwicklung der Schachrevolution in den Jahren 1914 bis 1926 Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Wie andere Meister die neuen Ideen bis 1926 weiterführten, etwa Aljechin, Réti und Grünfeld.

  • Aufsätze: Die „Aufgabe des Zentrums“ - ein Vorurteil Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Aufsatz: Das Zentrum besteht aus Feldern, nicht aus Bauern, und Figuren können Bauern ersetzen.

  • Aufsätze: Das neue System Originaltext noch nicht veröffentlicht

    Aufsatz mit Nimzowitschs ersten Gesetzen zur Schachstrategie, darunter das elastische Zentrum.