Fachlich geprüft am 6. November 2026: Quellen und Sprache. So prüfen wir

Aaron Nimzowitsch: anders auf das Brett schauen

Eine Figur muss nicht immer etwas schlagen. Manchmal hilft sie dir, weil sie einen Bauern aufhält oder den Plan des Gegners stört. Aaron Nimzowitsch machte solche Ideen zu einem wichtigen Teil seiner Schachlehre.

Er spielte Turniere und schrieb Bücher. Hier liest du ein Porträt: woher er kam, wie er spielte, was er schrieb und was von ihm bleibt. Danach kannst du in einer seiner Partien selbst einen Zug suchen. Unsere Erklärungen sind neue Texte der Redaktion, keine Aussprüche Nimzowitschs.

Zwei Lebensorte: In Riga wurde Nimzowitsch 1886 geboren. In Kopenhagen lebte er ab den 1920er-Jahren und starb 1935.

Porträt: sein Leben und seine Ideen

Dieses Porträt hat unsere Redaktion neu geschrieben. Es fasst zusammen, was Nachschlagewerke, Spielerprofile, ein Fachartikel und ein Zürcher Schachklub über Nimzowitsch berichten. Wo sich die Quellen widersprechen, sagen wir es. Jeder Abschnitt nennt seine Quellen.

Ein Kind aus Riga

Aaron Nimzowitsch kam am 7. November 1886 in Riga zur Welt. Nach dem Kalender, der damals in Russland galt, war es der 26. Oktober. Die Stadt gehörte zum Russischen Reich; heute ist sie die Hauptstadt von Lettland. Seine Familie war jüdisch und sprach Deutsch und Jiddisch. Der Vater handelte mit Holz und brachte seinem Sohn als Kind das Schachspiel bei.

Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Auch sein Name wurde unterschiedlich geschrieben: Aron oder Aaron, Niemzowitsch oder Nimzowitsch, in englischen Büchern oft Nimzovich. Gemeint ist immer derselbe Schachmeister. Auf seinem Grabstein steht Aron.

Vom Studenten zum Schachprofi

1904, mit 17 Jahren, ging Nimzowitsch nach Berlin, um Philosophie zu studieren. Doch er verbrachte seine Zeit lieber im Schachcafé als im Hörsaal. Noch im selben Jahr beschloss er, vom Schach zu leben.

1906 gewann er in München sein erstes internationales Turnier. 1910 wurde er in Hamburg Dritter, vor bekannten Meistern wie Siegbert Tarrasch. 1914 teilte er beim Allrussischen Meisterturnier in St. Petersburg den ersten Platz mit Alexander Aljechin, der später Weltmeister wurde.

Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution unterbrachen seine Laufbahn. 1917 verliess er das Baltikum und kam zunächst nach Berlin. Einige Jahre lang hatte er keine Staatsbürgerschaft.

Der Streit um das Zentrum

Siegbert Tarrasch war damals der bekannteste Schachlehrer im deutschsprachigen Raum. Er lehrte: Besetze das Zentrum mit Bauern und gewinne Raum. Nimzowitsch fragte zurück: Muss man das Zentrum besetzen, oder genügt es, die Felder in der Mitte mit Figuren zu kontrollieren? Der Streit begann 1904 nach einer freien Partie in Nürnberg und zog sich über viele Jahre hin.

Beide griffen sich in Zeitschriften und Partiekommentaren scharf an. Wie weit sie in der Sache wirklich auseinanderlagen, ist bis heute umstritten. Für dich heisst das: Ein Bauernzentrum ist stark, wenn du es halten kannst. Figuren, die aus der Ferne auf die Mitte wirken, sind stark, wenn sie das Bauernzentrum angreifen können. Nimzowitsch gehörte mit Richard Réti und Gyula Breyer zur hypermodernen Schule, die solche Fragen neu stellte.

Ein neues Zuhause in Kopenhagen

Anfang der 1920er-Jahre zog Nimzowitsch nach Kopenhagen; die Quellen nennen dafür 1920 oder 1922. Dort lebte er bis zu seinem Tod, bescheiden, in einem gemieteten Zimmer. Er wurde dänischer Staatsbürger und gewann 1924 und 1934 die Nordische Meisterschaft.

1923 gewann er in Kopenhagen ein Turnier mit zwei Punkten Vorsprung. Dort entstand auch seine berühmteste Partie: Gegen Friedrich Sämisch zog er so, dass sein Gegner am Ende keinen brauchbaren Zug mehr hatte. Die Partie heisst bis heute die «Unsterbliche Zugzwangpartie».

Für das Schach in Dänemark war er ein Gewinn. Das dänische Nationallexikon beschreibt seine grosse Bedeutung für das dortige Schachleben.

Drei Bücher und viele neue Wörter

1925 erschien in Berlin Die Blockade. Im selben Jahr begann Mein System, zuerst in einzelnen Heften, bis 1927 vollständig. Beide Bücher druckte der Berliner Verleger Bernhard Kagan. 1929 folgte Die Praxis meines Systems, in der Nimzowitsch seine Ideen an eigenen Partien zeigt.

Für seine Ideen prägte er eigene Wörter: Blockade, Hemmung, Prophylaxe, Überdeckung. Viele davon benutzen Schachspielerinnen und Schachspieler heute ganz selbstverständlich. In diesem Kurs lernst du sie an Stellungen kennen, nicht nur als Begriffe.

Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Mein System gibt es auf Englisch als My System und auf Französisch als Mon système. Die Blockade erschien 2012 auf Französisch als Le blocage. Sein Turnierbuch über Karlsbad 1929 schrieb er auf Russisch.

Die grossen Jahre

Zwischen 1925 und 1931 gehörte Nimzowitsch zu den besten Spielern der Welt. Er gewann grosse Turniere in Marienbad, Dresden, Hannover, London, Berlin, Frankfurt und Winterthur. Sein grösster Erfolg war Karlsbad 1929: Dort siegte er vor José Raúl Capablanca, Rudolf Spielmann und Akiba Rubinstein. In San Remo 1930 wurde er Zweiter hinter Aljechin.

In Dresden 1926 holte er 8½ Punkte aus 9 Partien, eineinhalb Punkte vor Aljechin. Seine Partie gegen Paul Johner aus diesem Turnier gilt als Musterpartie der Nimzo-Indischen Verteidigung: Sie zeigt Hemmung, Blockade und Prophylaxe. Dafür erhielt er den ersten Schönheitspreis, 5000 Zigaretten, obwohl er gar nicht rauchte.

Mitte der 1920er-Jahre wollte er Weltmeister Capablanca herausfordern. Doch er fand niemanden, der das Geld für einen solchen Wettkampf aufbrachte. Gegen Capablanca gewann er in seinem ganzen Leben keine Partie. Nachträglich berechnete Ranglisten sehen ihn von 1927 bis 1931 auf Platz drei der Welt, hinter Aljechin und Capablanca.

Wie er war

Nimzowitsch trank keinen Alkohol und rauchte nicht. Trotzdem war er oft krank. Zeitgenossen beschrieben ihn als eigenwillig und empfindlich. Er fühlte sich oft unterschätzt und geriet darüber in Streit. Immer wieder zog er sich für eine Weile vom Turnierschach zurück.

Über ihn werden viele Geschichten erzählt. Eine davon: Ein Gegner legte eine Zigarre auf den Tisch. Nimzowitsch beschwerte sich, der Gegner drohe zu rauchen, und die Drohung sei stärker als die Ausführung. Die Geschichte ist wahrscheinlich erfunden, und der Satz von der Drohung ist älter als Nimzowitsch. Wenn du solche Anekdoten liest, frage immer: Wer hat das aufgeschrieben, und woher weiss er es?

Der österreichische Meister Hans Kmoch schrieb 1928 eine Scherzpartie gegen einen erfundenen Gegner namens Systemsson. Sie übertrieb Nimzowitschs Lieblingsidee, die Überdeckung. Nimzowitsch soll sich darüber amüsiert haben.

Spuren in der Schweiz

Nimzowitsch spielte auch in der Schweiz. 1931 gewann er das Turnier in Winterthur. 1934 trat er in Zürich an; es war sein letztes grosses Turnier. Er holte 9 Punkte aus 15 Partien und besiegte dabei den früheren Weltmeister Emanuel Lasker.

In Zürich trägt seit 1949 ein Schachklub seinen Namen. Der Schachklub Nimzowitsch Zürich wollte frischen Wind in die Schweizer Schachszene bringen und berief sich dabei auf seinen Namensgeber. In den 1960er-Jahren gewann er sechsmal die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft.

Was von ihm bleibt

Drei Eröffnungen tragen seinen Namen: die Nimzo-Indische Verteidigung, die Nimzowitsch-Verteidigung und die Nimzowitsch-Larsen-Eröffnung. Die bekannteste ist die Nimzo-Indische Verteidigung; Nimzowitsch selbst spielte sie in 28 Turnierpartien.

Seine Ideen prägten spätere Meister. Der spätere Weltmeister Tigran Petrosjan kaufte sich Die Praxis meines Systems schon als Kind. Das Buch prägte ihn als Schachspieler stark. Auch Bent Larsen und Viktor Kortschnoi gelten als seine Erben.

Oft wird eine Zahl genannt: eine historische Elo-Zahl von 2780. Solche Zahlen sind nachträglich berechnet; zu seiner Zeit gab es noch keine Elo-Wertung. Sie zeigen aber, wie stark er spielte. Nimzowitsch wurde nie Weltmeister. Trotzdem zählen ihn viele Schachautoren zu den wichtigsten Schachdenkern überhaupt.

Stationen seines Lebens

  1. 1886

    Am 7. November wird Nimzowitsch in Riga geboren. Die Stadt gehört zum Russischen Reich und liegt heute in Lettland.

  2. 1904

    Er geht zum Studium nach Berlin. Bald ist ihm Schach wichtiger als die Philosophie: Er wird Berufsspieler.

  3. 1906

    In München gewinnt er sein erstes internationales Turnier.

  4. 1914

    Beim Allrussischen Meisterturnier in St. Petersburg teilt er den ersten Platz mit Alexander Aljechin.

  5. Anfang der 1920er-Jahre

    Er lässt sich in Kopenhagen nieder und gewinnt dort 1923 ein Turnier. Das dänische Nationallexikon beschreibt seine grosse Bedeutung für das Schachleben in Dänemark.

  6. 1925 bis 1927

    Die Blockade erscheint, und Mein System kommt in Heften heraus. Nimzowitsch ordnet darin seine Ideen, vom Entwickeln der Figuren bis zum planvollen Spiel mit Bauern und starken Feldern.

  7. 1926

    Er gewinnt das Turnier in Dresden mit 8½ Punkten aus 9 Partien, eineinhalb Punkte vor Aljechin.

  8. 1929

    Er gewinnt das Turnier in Karlsbad vor José Raúl Capablanca. Im selben Jahr erscheint Die Praxis meines Systems. Bücher und Turniersiege zeigen zwei Seiten derselben Arbeit: Ideen erklären und am Brett erproben.

  9. 1931 und 1934

    Er gewinnt das Turnier in Winterthur. Drei Jahre später spielt er in Zürich sein letztes grosses Turnier und besiegt dort Emanuel Lasker.

  10. 1935

    Am 16. März stirbt Nimzowitsch in Kopenhagen an einer Lungenentzündung, mit 48 Jahren. Seine Texte bleiben ein Ausgangspunkt für Schachunterricht. Ihre Aussagen müssen wir weiter an konkreten Stellungen prüfen.

Warum seine Ideen zum Nachdenken einladen

Ein Bauer in der Mitte nimmt Raum ein. Doch auch eine Figur am Rand kann auf ein Feld in der Mitte wirken. Nimzowitsch gehörte zu den Vertretern der hypermodernen Schule: Sie untersuchten, wie man das Zentrum kontrollieren und ein gegnerisches Bauernzentrum angreifen kann. Das bedeutet nicht, dass Bauern im Zentrum schlecht sind.

Seine Begriffe machen Pläne anschaulich. Ein Blockeur hält einen Bauern auf. Prophylaxe heisst, einen gegnerischen Plan rechtzeitig zu erkennen und ihm etwas entgegenzusetzen. Solche Wörter helfen erst, wenn du sie an einer Stellung erklären kannst.

Auch ein starker Lehrer verliert Partien. In der Lektion zur Überdeckung findest du einen Ausschnitt aus Nimzowitschs Niederlage gegen Capablanca in New York 1927. Ein überdeckter Punkt allein entscheidet keine Partie. Prüfe auch, wo die Figuren wirken und was der Gegner droht.

Wann reicht das Überdecken eines Punktes nicht?

Drei Bücher, viele Fragen

Mein System

Vom einzelnen Zug zum Plan: Entwicklung, Linien, Freibauern, Bauernketten und das Zusammenspiel der Figuren. Der Link öffnet das Kapitel zu Zentrum und Entwicklung.

Mein System: I. Teil, 1. Kapitel - Zentrum und Entwicklung

Die Blockade

Wie hältst du einen gegnerischen Bauern auf, bevor er gefährlich wird? Dieses Buch trägt unseren Kurs ebenso wie Mein System. Der Link führt zum ersten Abschnitt.

Die Blockade: Abschnitt I

Die Praxis meines Systems

Nimzowitsch erläutert seine Ideen an Partien. Für den Anfang genügt eine einzelne Stellung. Der Link öffnet den Abschnitt über Hemmung und Blockade.

Die Praxis meines Systems: 2. Hemmung und Blockade

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Diese Denkfragen stammen von unserer Redaktion. Sie sind keine Zitate Nimzowitschs.

Quellen zu dieser Seite

Die Lebensdaten sind aus den genannten Quellen zusammengefasst; alle Seiten wurden am 1. November 2026 gelesen, die englische Wikipedia zusätzlich am 6. November 2026. Wikipedia-Artikel können sich seither geändert haben. Den Umzug nach Kopenhagen datieren die Quellen auf 1920 oder 1922; das Jahr der dänischen Einbürgerung nennen sie nicht einheitlich. Die einfache Ortsgrafik zeigt zwei Lebensorte, keine Reiseroute.

Zwei Angaben weichen ab: Die französische Wikipedia datiert Die Praxis meines Systems im Text auf 1926, in ihrer Bücherliste wie die anderen Quellen auf 1929. Der ChessBase-Artikel nennt in seinem ersten Satz den 14. April 1924, erschien aber am 14. April 2026 als Rückblick auf 100 Jahre und beschreibt das Jubiläumsturnier von 1926; wir folgen den übrigen Quellen mit 1926.

Historische Elo-Zahlen und Weltranglistenplätze sind nachträgliche Berechnungen. Anekdoten geben wir nur mit ihrer Herkunft wieder; erfundene Aussprüche gibt es hier nicht. Ein Foto zeigen wir nicht; die Bilder auf dieser Seite sind eigene Grafiken.

Buchverweise führen zu den eigenen Originaltext-Seiten. Deren Herkunft und mögliche Unterschiede zu Druckausgaben stehen dort. Die fünf Partieausschnitte sind eine Auswahl unserer Redaktion, keine Rangliste seiner besten Partien.

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